Neue Interessenlagen

Die Zuteilung der Frequenzen im 450-MHz-Bereich endet in Deutschland zum Jahresende 2020. Danach sollen die Karten neu gemischt werden. Wie immer gibt es viele Interessenten für die neu zu vergebenden Frequenzen. In diesem Fall konkurrieren insbesondere die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) und die Bundeswehr sowie die Energie- und Versorgungsbranche um das kostbare Gut. Eine Analyse der Interessenlagen.

Die Frequenzteilbereiche 451,0 – 455,74 MHz und 461,0 – 465,74 MHz im 450-MHz-Band sind aktuell in drei Zuteilungen von jeweils 2 x 1,25 MHz (gepaart) aufgeteilt. Die Frequenzzuteilung endet für die der- zeitigen Frequenzinhaber am 31. Dezember 2020. Ein Frequenzinhaber hat die Zuteilungen für die Anbindung der WLAN-Hotspots in den ICE- Zügen bis 2015 genutzt. Der andere, internationale Frequenzinhaber plant ein kommerzielles Funknetz mit sogenannten Ankerkunden mit lokalen Netzen, arbeitet derzeit aber noch mit der veralteten CDMA-Technik.

Wer werden die zukünftigen Frequenzinhaber sein? Und wofür wer- den sie die 450-MHz-Frequenzen nutzen? Die Bundesnetzagentur (BNetzA) hat für den 450-MHz-Frequenzbereich bereits im Jahr 2018 eine Frequenzplanänderung und eine Frequenzbedarfsabfrage eingeleitet. Das Ergebnis dieser Frequenzbedarfsabfrage zeigte gegensätzliche Interessen unterschiedlichster Nutzungsgruppen, u.a. der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), dem Militär und der Energieversorgungsbranche. Daraufhin stoppte die Behörde das Zuteilungsverfahren und gab die Thematik an die Bundesregierung ab. Die damit befassten Ministerien – das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI), das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWI), das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) und das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVi) – einigten sich darauf, ein Gutachten in Auftrag zu geben.

Den Zuschlag zur Erstellung des Gutachtens bekam die WIK Consult GmbH zusammen mit der P3 Communications GmbH. Inhaltlich sollen die technisch und ökonomisch realisierbaren Varianten für die geltend gemachten Frequenzbedarfe untersucht werden. In einem Ressortkreis sollen Handlungsempfehlungen für die Ministerien erarbeitet werden. Aktuell stehen der Öffentlichkeit keine Informationen zu diesem Gutachten zur Verfügung.

BOS und Bundeswehr

Die augenscheinlich stärkste Lobbyarbeit wird von der Bundesanstalt für den Digitalfunk der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BDBOS) betrieben. Die BOS gehen mit einem ganzen Bündel an Anforderungen an den Start, da stellen die 450-MHz-Frequenzen nur einen kleinen Teil des Gesamtpakets dar. Innerhalb der BOS fordert beispielsweise die Polizei, dass Breitbanddienste für die BOS genutzt werden können, um Body-Kameras und stationäre Kameras zu nutzen. Videos, Bilder und weitere Informationen können so an die Beamten gesendet werden. Dafür sind hohe Bandbreiten für einen synchronen Upload mit sehr geringer Verzögerung und Jitter bis mindestens 5 Gbit/s für mindestens 1.080 Pixel und 60 Hz Bildwiederholfrequenz notwendig.

Die Feuerwehr legt Wert auf Augmented Reality (AR) als Informationsbasis. Darüber hinaus ist die Live-Übertragung von Wärmebildern mit Konstruktionszeichnungen, Live-Überlagerung von analysierten und eventuellen Gefahrenlagen, ein virtuelles Lagebild mit Datenbrille und Live-Übertragung von Biodaten wichtige Bestandteile für Breitbandanwendungen im Kontext von Feuerwehreinsätzen.

Die Rettungsdienste fordern den Download von medizinisch notwendigen Informationen wie CRT, MRT und Gesundheitsakte. Außerdem sind Live-Schaltungen zum Telenotarzt und Fernbehandlung mit Augmented Reality geplant. Zudem fordern die BOS, dass im künftigen 5G-Standard die Public-Safety-Anforderungen abgebildet werden müssen.

Informationen zur Folge benötigen die BOS zur Zielerreichung der geplanten Maßnahmen neben den 450- MHz-Frequenzen weitere Frequenzen aus unterschiedlichen Frequenzbändern. Zu den Forderungen der BOS an potenzielle Netzpartner gehören u.a.:

  • Im Einsatzfall muss den BOS Vorrang eingeräumt werden.
  • Den BOS-Diensten müssen eigene Netz-Slices reserviert werden

Diese Forderungen basieren überwiegend auf den 5G-Standards und lassen sich in Ballungsgebieten mit Network-Slicing durch die öffentlichen Mobilfunkanbieter realisieren. Um aber nicht von den öffentlichen Mobilfunkanbietern abhängig zu sein, möchten die BOS eigene Frequenzen nutzen.

Konkret heißt das, die BOS benötigen über die Tetra-Sprachkommunikation hinaus mindestens 2 x 15 MHz zur Erfüllung ihrer Anforderungen an die Breitbandkommunikation. (Der Bedarf ist durch unterschiedliche Studien be- legt.) Zugeteilt wurde den BOS aber im Rahmen der Digitalen Dividende II bisher nur ein Spektrum von 2 x 8 MHz im 700-MHz-Band. Aus Sicht der BOS ist das nicht ausreichend.

Das heißt, um die Erfüllung ihrer Ziele zu gewährleisten, benötigen die BOS und auch die Bundeswehr mehr Frequenzen. So fordern sie die Bereitstellung von 2 x 10 MHz im 450-MHz-Bereich zusätzlich zu den bereits zugeteilten 2 x 8 MHz im 700-MHz-Be- reich.

In den bekannten BOS-Strategiepapieren wird die Bundeswehr nicht er- wähnt, und dennoch werden sowohl BOS als auch Bundeswehr in einem Atemzug genannt, ohne dass deutlich wird, welcher Frequenzeinsatz bei der Bundeswehr geplant ist. Das mögen NATO-spezifische Anforderungen sein oder sonstige geheime Vorhaben; darüber sind öffentlich kaum Informationen zu erhalten. Die Bundeswehr ist der große Unbekannte bei den An- fordernden.

Es scheint so, als ob die BOS das kleine, zur Zuteilung anstehende Spektrum im 450-MHz-Bereich nur aus Prinzip anfordert, obwohl ihr bekannt ist, dass sich das Spektrum aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften nicht annähernd dafür eignet, die geforderten breitbandigen Anwendungen zu unterstützen. Der Behörden- Spiegel schreibt, dass dies kein Schritt der Vernunft, sondern der Interessensplatzierung ist, aus der Befürchtung heraus, dass auch in Zukunft den Interessen der BOS nicht genügend Rechnung getragen wird.

Ganz anders die Energieversorgungsbranche

Für die Energieversorgerbranche ist die 450-MHz-Frequenz dagegen ideal. Die Frequenz ist in der Lage, sehr gut in Gebäudehüllen einzudringen und ermöglicht dadurch bislang nur sehr schwer anzubindende Anlagenanschlüsse. Zudem hat die Energieversorgerbranche nicht die Anforderungen an die Datenbandbreite, wie beispielsweise die BOS sie haben. Es handelt sich überwiegend um geringere Datenmengen, die übertragen werden müssen.

Die 450-MHz-Frequenzen als Branchennetz zu etablieren, findet bei vielen entsprechenden Verbänden starke Unterstützung, wie z.B. dem Verband kommunaler Unternehmen (VKU), Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW), dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches e.V., dem Europäischen Verband der unabhängigen Strom- und Gasverteilerunternehmen (Groupement Européen des Entreprises et Organismes de Distribution d’ Énergie, EWIV – Geode) und dem Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (VDE/ FNN).

Die Herausforderungen der Energie- wende, die Dezentralität der Stromerzeugung, die Netzstabilität und die regulatorischen Anforderungen sowie die Digitalisierung machen ein eigenes Funknetz unverzichtbar. Die Netze der Energieversorger bilden Säulen der Daseinsvorsorge. Das ist kritische Infrastruktur, und sie benötigt besonderen Schutz. Für den Betrieb muss daher eine flexible und grundsolide Kommunikationstechnik mit der da- zugehörigen Infrastruktur errichtet werden.

Das 450-MHz-Band eignet sich für LTE-Anwendungen. Hier wird daher ein Massenmarkt erreicht, der sich deutlich auf die Endgerätepreise niederschlagen könnte.
Aus dem Gedanken heraus, dass ein ausländisches Telekommunikations- unternehmen mit einer deutschen Tochtergesellschaft die in Deutschland vergebenen Frequenzen nutzt, um ein kommerzielles Geschäft mit Energieversorgern zu betreiben, hat sich eine Interessengemeinschaft formiert, die ganz andere Ziele verfolgt.
Theo Waerder, Geschäftsführer der Bonn-Netz, hat seine Interessen bei der Bedarfsabfrage der Bundesnetzagentur ebenfalls formuliert. Durch sehr viele Gespräche fand sich schon bald eine beachtliche Gruppe von kleineren Stadtwerken bis hin zu sehr großen Energieversorgern zusammen, die seinen Ideen folgten. Die Gruppe gründete einen Verein, die Versorger-Allianz 450 e.V. Die Allianz verfolgt den Ansatz, ein diskriminierungsfreies, für die Anwender kritischer Infrastrukturen (Kritis) gedachtes Netz, schwarzfallfest zu regulierten Preisen zu errichten und anzubieten.

Diese Idee findet Zuspruch. Aktuell sind bereits über 150 Unternehmen aus der Ver- und Entsorgungsbranche als Unterstützer auf den Plan getreten. Neben diesen Unternehmen zählen zahlreiche Institutionen und Verbände zu den Unterstützern. Neu dazugekommen sind Handelsunternehmen und Hersteller von beispielsweise Armaturen, die das diskriminierungsfreie Branchenmodell unterstützen möchten.

Der Ansatz deckt sich mit dem vor einigen Jahren entworfenen BDEW- Modell für die gesamte Versorgerbranche, das die Gruppe verfeinert und angepasst hat. (Zum vereinfachten BDEW-Branchenmodell)

Einerseits benötigen Betreiber kritischer Infrastrukturen eine Kommunikationslösung zur Umsetzung der Energie- und Verkehrswende (vgl. z.B. auch EU-Verordnung 2017/2196, FN-Positionspapier „450-MHz-Frequenzbereich für die kritische Infrastruktur Energieversorgung“). Andererseits kann mit einer Branchenlösung ein Anbietermonopol für 450-MHz-Lösungen vermieden werden.

Die Überlegungen haben folgende Grundlage: Ein System gleichberechtigter Partner in einem basisdemokratischen Genossenschaftsmodell gründet als Joint Venture eine Gesellschaft, die als Network Service Provider (NSP) agiert (siehe Bild).

Mehrheitsbeteiligungen sind mit diesem Modell ausgeschlossen. Abgerechnet wird über den Nutzungsverbrauch, über Funktarife z.B. für Smart Meter, Sprachkommunikation oder M2M- Kommunikation – und zwar über regulierte Preise, analog zum regulierten Preis bei der BNetzA.
Der NSP wird Inhaber der Frequenz und ist verantwortlich dafür, dass das bundesweite Netz aufgebaut wird. Er agiert gegenüber der BNetzA als Vertragspartner. Man rechnet mit einer Zuteilung für zwanzig Jahre. Der Verein agiert als Beirat, ist offen für alle Bedarfsträger und berät den NSP bei Kritisgerechter Ausprägung der Produkte und des Netzausbaus.

Für den Netzausbau sind die Versorger bestens gewappnet. Sie verfügen – im Gegensatz zu den BOS – über eigene Flächen und sind in der Lage, in sehr kurzer Zeit ein flächendeckendes Netz aufzubauen. Der Verein rechnet derzeit mit Baukosten von 250 bis 350 Mio. € bei geschätzten 1.600 Funkmasten. Die operativen Kosten (Opex) schätzt die Versorger- Allianz 450 auf ca. 50 Mio. € jährlich. Unberücksichtigt sind dabei kostenreduzierende Synergien, wie vorhandene Tetra-Netze oder vorgerüstete Standorte. Wer in den Netzausbau investiert, erhält eine Kapitalverzinsung wie in der Netzregulierung in der Sparte Strom.

Der NSP beauftragt einen Network Operator und bietet seinerseits sei-nem Service Provider (SP) das Netz zur Vermarktung an. Kunden sind die Mitglieder des Joint Ventures. Zudem strebt der NSP an, auf die Bedürfnisse von Kritis-Unternehmen und Behörden einzugehen und abgestimmte Services diskriminierungsfrei und zu marktfähigen Preisen anzubieten. Das Netz wird als schwarzfallfestes Netz für die Notfall- und Krisenkommunikation geplant, das dann für 72 h bei 99 % Outdoor-Abdeckung und eine 70-prozentige Indoor-Erreichbarkeit für die Funkversorgung gewährleisten soll.

Diskriminierungsfrei heißt in diesem Netz auch, dass die BOS in konkreten Krisenfällen die Kommunikation mit nutzen können. Im Katastrophenfall hätten alle die, die auf diese Kommunikation angewiesen sind, etwas davon. Umgekehrt wäre das sicherlich nicht der Fall. Die Anbindung einer 450-MHz-Antenne an eine unterbrechungsfreie Stromversorgung gehört zum Tagesgeschäft der Versorger.

Artikel von:
Klemens Wangen
Wangen Communication Consulting
eMail:  kw@wangen-cc.de
Web:    www.wangen-cc.de
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